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Der Mann, der alles erleuchtet

Feuer frei: Der Engländer Paul Charlton bringt über der Flamme des Gasbrenners das Glasrohr zum Schmelzen, damit es dehnbar wird. In seiner Londoner Werkstatt stellt er aus Leuchtröhren komplexe Neon Glaskunstwerke her.

Das Spiel mit dem Feuer – in Handarbeit formt Paul in seiner Londoner Werkstatt Glasrohre. Entzündet darin Edelgase – und es ward: Neonlicht. Ein Werkstattbesuch.

Lesezeit 6 min.

Die kleine Werkstatt strahlt wie der Broadway bei Nacht: Rosa Herzen, gelbe Sterne, hellblaue Pfeile und der Slogan „Signs with Soul“ leuchten in grellen Farben an der Wand. Paul Charlton hat alle seine Werke angeknipst. Um einfach mal ihr Licht wirken zu lassen. Um den Zauber zu entfesseln: die schrille, geheimnisvolle, wunderbare Magie des Neon.

Paul stellt seit knapp 34 Jahren Neon-Zeichen her. In Handarbeit formt er hier, in seinem Studio im Norden von London, aus Glasröhrchen komplexe Kunstwerke. Vieles, was man heute als Neon verkauft, ist in Wahrheit LED-Licht. Paul hingegen arbeitet traditionell: Er formt Glasrohre und entzündet darin die Edelgase Neon und Argon mit Strom. Wie die Erfinder des Neonlichts das schon vor hundert Jahren gemacht haben.

Herr übers Neonlicht: Paul Charlton. In der Londoner Firma Goodwin & Goodwin stellt er Neon Logos und Schilder her.
Herr übers Neonlicht: Paul Charlton
Ich kann machen, was ich liebe und gut davon leben – und es ist ziemlich cool zu sagen: Mein Job ist Neonlicht-Macher.“

Paul Charlton

„Dieser Job ist schwer zu lernen, man braucht viel Übung und Erfahrung, nicht jeder hat heute noch Geduld dafür“, sagt er. Dann entzündet der Neon-Meister zwei Gasbrenner, auf denen blaue Flammen tanzen. Schnell wird es in der fensterlosen Werkstatt warm. Paul wischt sich den Schweiß von der Stirn. „Bei meinem Job kommt man schnell ins Schwitzen, darum bin ich so schön schlank”, sagt er und grinst.

Mit dem Edelgas „10Ne“ locken seit den 50er-Jahren Stripclubs, Cocktailbars, Casinos oder Kinos in aller Welt ihre Kundschaft. Der Stoff kommt auf der Erde kaum vor, schwirrt aber durchs Universum und den Orbit. Nicht wirklich von dieser Welt. Auch das macht Neon so anziehend.

Für Paul ist Neon auch ein praktischer Werkstoff. Er arbeitet für die Firma Goodwin & Goodwin, die Schilder und Logos für Läden oder Restaurants entwirft und produziert. Sein Auftraggeber heute: eine Filmproduktion. Paul soll ein chinesisches Neon-Schriftzeichen formen. In welchem Streifen sein Werk zu sehen ist? „Darf ich nicht sagen”, druckst Paul herum. Nur so viel: In so ziemlich jedem „Fast & Furious“-Film erstrahlt mindestens eins seiner Werke.

Paul Charlton, der in der Londoner Firma Goodwin & Goodwin Neon Logos und Schilder herstellt, skizziert auf Papier, wie er das Glasrohr biegen muss.
Paul skizziert auf Papier, wie er das Glasrohr biegen muss

Paul greift nach einem zwei Meter langen Glasrohr. An eins der Enden steckt er einen Luftschlauch aus Silikon. Dann hält er das Glas über die Flamme des „Ribbon Fire“, ein Gasbrenner in Form eines Besens, der längliche Flächen erhitzt.

Sofort schmilzt das Glas, wird weich und dehnbar wie Kaugummi. Dann beginnt die Glasbläserei: Paul pustet über den Schlauch immer wieder Luft ins frisch geschmolzene Röhrchen. So sacken die Wände durch die Hitze nicht ein, bleiben gleichmäßig stabil und bekommen eine schöne Rundung.

Dieses Zusammenspiel aus Pusten, Formen und Biegen braucht viel Übung. Jeder Glasbläser entwickelt seine eigene Technik, seinen eigenen Stil. Immer wieder vergleicht Paul das gebogene Rohr mit der Vorlage. Kurven, Haken, alles muss exakt passen. Die Schwierigkeit: Das Glasröhrchen kreuzt sich oft über- und untereinander. Sollte aber nur auf der Rückseite passieren. Daher muss Paul Schriftzeichen spiegelverkehrt formen. Etwas mehr als eine Stunde biegt, bläst und erhitzt er sein Werk.

Zum Schluss ist mehr Chemiebaukasten als Kunst gefragt. Paul steckt zwei Elektroden an die Enden des geformten Glasrohrs, schließt einen Trafo und eine Vakuumpumpe an. Durch die Spannung wird’s im Glas über 200 °C heiß, Schmutz und Staub verbrennen. Dann wickelt er schwarzes Klebeband um die Stellen, die später nicht leuchten, also unsichtbar sein sollen. Und nun ist es soweit.

Paul schließt eine Dose mit Neongas an, befüllt das Röhrchen, verbindet es mit Strom. Und zack: Elektrische Spannung bringt das Gas zum Leuchten. Bei Neon ist es rot. Das Gas Argon, gemischt mit Quecksilber, schimmert blau.

Dank eines Filters strahlt das Mandarin-Zeichen, das er gerade hergestellt hat, gelb. Paul lächelt: „Es ist immer ein besonderer Moment, wenn es zum ersten Mal leuchtet: ein kleines Wunder.“

Am Anfang musste ich unzählige Male Glas schneiden und wieder zusammenschmelzen – bis es perfekt war.“

Paul Charlton

Mit 16 verließ Paul die Schule. Machte eine Lehre in der Glasbläserei bei Masonlite, dem damals weltweit größten Hersteller von Neonleuchtreklame. Die Ausbildung ist hart. „Am Anfang musste ich unzählige Male Glas schneiden und wieder zusammenschmelzen – bis es perfekt war.“

Pauls Lehrmeister: ein Greis, der seit 60 Jahren Neonlichter macht und an fortgeschrittenem Parkinson leidet. „Er zitterte so schlimm, man hätte nie gedacht, dass er Glas biegen kann – aber kaum hielt er das Rohr über die Flamme, schien er geheilt. Ich bin nie wieder jemandem begegnet, der das Handwerk besser beherrscht hat“, erinnert sich Paul.

Mehr Lob als mal ein Schulterklopfen bekommt der Neon-Azubi in drei Jahren Ausbildung nicht. Eher kommentiert der Mentor spöttisch: „Hast du das gebogen oder gekaut?“ Viele Versuche sind für die Tonne. Trotzdem gibt Paul nicht auf. Bei allem Frust, sein Job hat Vorteile: „Wenn du für ein Mädchen ein Neonherz herstellen kannst, macht das mehr Eindruck als jeder Blumenstrauß.“

Anfang der 90er-Jahre zieht Paul nach China, arbeitet für eine Firma, die hunderttausendfach das Wort „Beer“ als Neon-Logo exportiert. Trainiert dort die Mitarbeiter. Zehn Jahre lebt er dort, lernt seine zweite Frau kennen, bekommt mit ihr zwei Söhne. Heute ist er zurück in England. Statt „Beer“-Logos macht er Kunst. Einen von der Decke schwebenden Zauberwürfel in Neonfarben für eine Kunstausstellung gemacht – eins seiner schönsten Werke, sagt er.

In Kinofilmen, TV-Shows und Soaps leuchten seine Werke. Wenn er durch Soho spaziert, Londons legendäres Rotlicht- und Amüsierviertel, sieht er an jeder Ecke seine Neonschilder strahlen. „Manchmal macht es mich ein wenig traurig, dass so viele Menschen meine Werke sehen – und niemand weiß, dass sie von mir sind“, sagt Paul.

Der das Glas biegt: Bei Paul Charltons Job ist höchste Konzentration gefragt. In der Londoner Firma Goodwin & Goodwin stellt er Neon Logos und Schilder her.
Der das Glas biegt: Bei Pauls Job ist höchste Konzentration gefragt

Er trinkt einen Schluck Wasser. Schwitzt immer noch, die Gasbrenner flackern weiter. Er hat viel Schweiß vergossen über die Jahre, sich viele Narben in die Haut gebrannt, wenn er mit heißem Glas oder Gasbrennern nicht vorsichtig war. Für seine Leidenschaft hat er gern ein bisschen gelitten. Dazu gehört auch: auf Anerkennung für seine Arbeit verzichten zu müssen. Meist setzt er die Entwürfe anderer Künstler perfekt um, macht selten eigene Designs. Außer neulich, als er den Namen seiner Frau für deren Geburtstag formte.

Andererseits: „Ich kann machen, was ich liebe und gut davon leben – und es ist ziemlich cool zu sagen: Mein Job ist Neonlicht-Macher“, sagt Paul.

Die Massenproduktion billiger LED-Lichter in Plastikrohren hat das aufwendige und komplexe Neon-Handwerk verdrängt. Doch seit ein paar Jahren erlebt Pauls Gewerbe ein Comeback. Neon ist wie die Vinyl-Platte: ein lässiges Artefakt für Kenner und Liebhaber.

Die Medienindustrie liebt den Vintage-Charme der Lichter. Und moderne Transformatoren senken den Stromverbrauch. Ein hochwertig geformtes Neonlicht hält mindestens 40 Jahre. „Eigentlich hält es für immer“, sagt Paul, „nur der Transformator macht irgendwann schlapp.“

Ein Herz aus Glas: nur eine von Paul Charltons Kreationen. In der Londoner Firma Goodwin & Goodwin stellt er Neon Logos und Schilder her.
Ein Herz aus Glas: nur eine von Pauls Kreationen

Das Geschäft läuft, doch es mangelt an Nachwuchs. Pauls Hoffnung: Sein sechzehnjähriger Sohn könnte ihm nachfolgen: „Als erstes zeige ich ihm, wie man ein rosa Herz macht.“ Paul juniors Freundin dürfte nichts dagegen haben.

Text: Reinhard Keck I Fotos: Greg Funnell

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