Wir machen das mal: einen Gartenbrunnen bauen

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Tomatenstauden, Blumenbeete, Planschbecken: Im Sommer wird der Garten schnell zum Wasserfresser. Die Alternative zur astronomisch hohen Wasserrechnung: ein eigener Brunnen, der den Garten mit kostenlosem Grundwasser versorgt.

Lesezeit 6 min.

Wir müssen reden. Und zwar übers Wetter, ausnahmsweise. Rudi Carrell (für Spätgeborene: der Joko Winterscheidt des 20. Jahrhunderts) fragte sich in einem seiner legendären Schlager noch sehnsüchtig, wann es denn mal wieder richtig Sommer werde. Ein Sommer ganz nach Carellschen Vorstellungen hatte möglichst heiß und trocken zu sein – und damals scheinbar Seltenheitswert. Dass es in dieser Beziehung irgendwann auch zu viel des Guten geben könnte, war früher wohl kaum vorstellbar. Doch heute denken manche mit Bangen an den kommenden Sommer: Folgt nach der Trockenzeit des letzten Jahres nun der Dürre zweiter Teil?

Ich werde in Sachen Wasser zum Selbstversorger – und bohre mir meinen eigenen Brunnen.

Sascha Borrée

Klar, das kann keiner wirklich wissen. Schon möglich, dass uns der diesjährige Sommer zur Abwechslung so richtig im Regen stehen lässt. Dass die Sommer langfristig deutlich heißer und trockner werden, gilt unter Forschern aber als gesichert. Natürlich wirft das Fragen auf, jenseits aller politischen Debatten auch ganz praktische. Etwa die, ob ich künftig nur noch eine Wahl habe zwischen einer exorbitanten Wasserrechnung und einem Garten, der der afrikanischen Steppe gleicht.

Die Antwort: Ach was, es gibt eine dritte Option! Die Idee: Ich werde in Sachen Wasser zum Selbstversorger – und bohre mir meinen eigenen Brunnen. Aber geht das denn so einfach? Und darf man das überhaupt?

Vor dem Bohren: Behörde fragen

Ich rufe bei meiner Kommune an, werde zur zuständigen Abteilung durchgestellt, die sogenannte „Untere Wasserbehörde“. „Sicher darfst Du Dir einen eigenen Gartenbrunnen bohren“, sagt der brummig-freundliche Beamte am anderen Ende der Leitung. „Du musst das nur anmelden. Hast Du ja hiermit gemacht. Kann allerdings von Landkreis zu Landkreis verschieden sein, manchmal muss man das auch gebührenpflichtig beantragen. Und bei Trinkwasserbrunnen ist das Prozedere deutlich komplizierter.“ Kein Problem, ich will mit meinem Brunnenwasser nur Pflanzen und Planschbecken versorgen, bin also rein rechtlich schon auf der sicheren Seite. Ungeklärt bleibt aber, ob ich meinem Vorhaben überhaupt gewachsen bin. „Doch, doch“, ermutigt mich der Mann vom Amt, „das ist machbar. Nach meinen Karten liegt die Grundwasserschicht unter deinem Garten nur zwei, drei Meter tief. In anderen Gegenden sind das locker mehr als zehn Meter.“ Glück gehabt, kann also losgehen! Ich gehe raus in den Garten, suche nach einer geeigneten Stelle, schleppe schließlich meine Materialien heran: Der Handerdbohrer mit Zubehör, mehrere Meter Brunnenrohr, schließlich die Pumpe – da kommt ganz schön was zusammen.

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Abwärts: Bohren mit Muskelkraft

Manche Brunnenbauer rücken dem Grundwasser ja mit schwerem Gerät, also einem motorisiertem Erdbohrer, zu Leibe. Ab einer gewissen Tiefe mag das auch empfehlenswert sein. Zwei, drei Meter sollte ich aber locker mit Muskelkraft schaffen. Ich besorge mir also einen Handerdbohrer. Ein T-förmiges Metallgestänge von etwa einem Meter Länge, unten dran eine spiralförmige Schneide, etwa 15 Zentimeter dick – der Bohrer ist denkbar einfach konzipiert. Zu einfach? Als ich ihn zum ersten Mal in der Hand halte, bin ich fast ein bisschen enttäuscht. Ohne Grund, wie sich schnell zeigt: Ich setze den Bohrer an, drücke leicht, drehe – und die Bohrschnecke gräbt sich umstandslos ins Erdreich. Nach ein paar Umdrehungen ist sie vollständig im Boden verschwunden. Ich halte ein, ziehe sie heraus, schüttele Erde ab, führe den Bohrer wieder ins Bohrloch ein.

Drehen, drücken, ziehen, abschütteln. So geht das eine ganze Weile. Bis es unten im Bohrloch auf einmal laut knirscht und sich der Bohrer zwar nach wie vor drehen, aber kein Stück mehr weiter nach unten bewegen lässt. Was ist da los? Bin ich auf einen großen Stein gestoßen? „Das kann leider schon mal vorkommen“, hatte mich der hilfsbereite Herr von der „Unteren Wasserbehörde“ gewarnt. „Manchmal muss man dann einfach noch mal von vorne anfangen, an anderer Stelle.“ Wie bitte? Zurück auf Los? Kommt nicht infrage! Ich drehe weiter, stütze mich trotz Knirschens mit dem vollen Gewicht meines Körpers auf den Bohrer, drücke, drehe ... Und merke endlich, wie sich der Bohrer weiter ins Erdreich frisst. Als ich ihn kurz darauf aus dem Bohrloch ziehe, klemmt ein fast faustgroßer Kiesel in der Bohrschnecke. Von so etwas werde ich mich doch nicht aufhalten lassen! Ich löse den Stein aus dem Gewinde, werfe ihn auf den Abraum neben meinem Bohrloch. Weiter geht’s!

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Von der (Verlängerungs-)Stange: Bohrung mit Tiefgang

Nach etwa einem Meter kommt das Bohrgestänge an sein natürliches Limit. Was nun? Ganz einfach: Der Griff, also der obere Strich vom T, lässt sich abschrauben. Ich montiere eine Verlängerungsstange zwischen Bohrer und Griff, mache mich wieder ans Werk. So weit, so gut. Weniger gut, dass sich nach einer zweiten Verlängerungsstange und insgesamt drei Metern noch immer kein Grundwasser zeigen will. Auch nach vier, fünf Metern (und fast ebenso vielen Stunden) noch nicht. Hat sich Mann von der Wasserbehörde einen Scherz mit mir erlaubt? Ist der Grundwasserspiegel abgesunken, etwa durch die letztjährige Dürre? Bleibt das Brunnenbau-Projekt doch eine Trockenübung? Mein bereits vier Mal verlängertes Bohrgestänge wirkt jetzt schon recht wackelig, viel mehr geht da wohl nicht. Doch meine Sorgen sind umsonst: Nach fünfeinhalb Metern wird das Erdreich, das ich nach oben befördere, immer feuchter, schlammiger, schließlich regelrecht nass. Ich stoße auf Grundwasser!

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Auf die Spitze getrieben: Das Brunnenrohr im Grundwasser versenken

Bestens: Der Bohrer hat seine Schuldigkeit getan. Jetzt montiere ich das Brunnenrohr – aus Rohrelementen von drei Zentimetern Durchmesser und je einem Meter Länge, die ich mithilfe von Muffen aneinander schraube. Um die Verbindungen abzudichten, wickele ich vorher noch Hanffaser ins Gewinde, schmiere Fermit-Paste drüber. Zum Schluss wird dann die Rammspitze (die man auch Rammfilter nennt) aufs Brunnenrohr gesetzt: ein besonderes, wie die Namen schon verraten, vorne angespitztes Rohrelement, dessen Außenwand nicht massiv, sondern in Form eines feinen Filters angelegt ist. Durch den Filter fließt später nur Wasser ins Innere des Rohrs, Schlamm muss draußen bleiben! Das Brunnenrohr versenke ich jetzt – Rammfilter voraus – im Bohrloch. Als es unten auf Widerstand stößt, ragt das Rohr noch etwa einen Meter weit aus dem Loch heraus. Perfekt, genau so soll es sein! Mit einem Vorschlaghammer treibe ich das Rohr immer weiter in den Schlamm, schraube dann noch ein weiteres Rohrstück auf, greife wieder zum Hammer: Je tiefer der Rammfilter zum Schluss in der Grundwasserschicht steckt, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass meine Pumpe auch bei langen Dürreperioden noch funktioniert.

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Der große Augenblick: Angießen und abpumpen

Zugegeben: Praktischer wäre es jetzt, einfach eine elektrische Pumpe anzuschließen. Ich bin da aber altmodisch, entscheide mich deshalb für eine Handschwengelpumpe, gusseisern nach historischem Vorbild. Zuerst schraube ich den unteren Teil der Pumpe auf eine gitterförmige Betonplatte. Sie dient als Fundament und gibt meiner Pumpe nachher festen Halt. Dann setze ich die Platte samt Pumpenunterteil auf das Brunnenrohr – so dass das Rohr gerade noch so aus herausragt. Zum Schluss das Pumpenoberteil – fertig. Sieht schon mal gut aus.

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Dann wird zum ersten Mal gepumpt! Gleichzeitig lasse ich aus einem Gartenschlauch von oben Wasser ins Rohr fließen. Ohne dieses sogenannte Angießen würde die Pumpen-Premiere zur Luftnummer – Handschwengelpumpen funktionieren nur, wenn schon eine Wassersäule im Rohr steht. Schließlich drehe ich den Wasserhahn zum Gartenschlauch zu, betätige wieder den sogenannten Schwengel, also den langen, gusseisernen Hebel der Pumpe. Der alles entscheidende Augenblick! Und tatsächlich: Auch ohne weitere Wasserzufuhr speit der Ausguss jetzt einen dicken Schwall nach dem anderen. Ich pumpe und pumpe und höre erst auf, als ich im Matsch stehe.

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Von mir aus kann die nächste Hitzewelle kommen. Ich werde dann einfach weiter gärtnern, gießen, pumpen, pumpen und pumpen – und mich anschließend im randvoll mit Grundwasser gefüllten Planschbecken abkühlen. Also, Rudi: Wann wird’s mal wieder richtig Sommer? Ich bin vorbereitet.

Text: Sascha Borrée | Fotos: Lucas Wahl

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