Wir machen das mal: ein Gewächshaus bauen

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Schneller, cooler, spektakulärer: Wir machen immer mehr. Und lassen uns für unsere Selbstverwirklichung im Social Web feiern. Im Urlaub kurz auf den Kilimandscharo steigen? Gerade gut genug. Unser Autor fragt sich:„Geht’s nicht auch mal wieder ein paar Nummern kleiner?“

Lesezeit 4 min.

Heute hat jeder Zweite eine sogenannte „Bucket List“, also eine Liste mit Dingen, die er in diesem Leben noch machen möchte. Da stehen dann Sachen drauf wie: den Kilimandscharo besteigen, bei der Rallye Dakar mitfahren, quer über den Atlantik segeln. Früher war das alles ein bisschen anders. Bodenständiger. Da hieß die „Bucket List“ noch gar nicht so, sie war auch viel kürzer, und statt vieler persönlicher Versionen gab es eine Standardfassung: Man möge vor dem eigenen Ableben ein Haus bauen, einen Baum pflanzen und eine Familie gründen. Wie, frage ich mich, lebt es sich wohl mit einer solchen vormodernen Bucket List?

Die Frage, die sich Gewächshausbauern stellt: Wo soll es hin? Die Antwort: an einen möglichst sonnigen Standort.

Sascha Borrée

Das will ich herausfinden und nehme mir gleich den ersten Punkt vor. Für den Bau eines eigenen Hauses fehlen mir momentan nur leider sowohl Baugrund als auch Budget. Kein Problem, so eine Liste lässt sich ja auch kreativ interpretieren. Wenn es mit einem echten Wohnhaus aktuell nicht klappt, dann vielleicht erstmal mit einem Gewächshaus? Da drin kann ich zwar keine Bäume, aber immerhin Tomaten pflanzen ... Perfekt für den Frühling, der schon in den Startlöchern steht. Ich sichte ein paar Baupläne und bin sicher: Das sollte ich hinbekommen.

Lage: einen guten Standort finden

Die erste Frage, die sich Gewächs- wie Wohnhausbauern gleichermaßen stellt: Wo genau soll das Haus eigentlich hin? Diverse Standortfaktoren wollen berücksichtigt werden, ein möglichst sonniger Bauplatz ist in beiden Fällen vorzuziehen – auf meinem Grundstück aber gar nicht so leicht finden. Generationen von Vorbesitzern scheinen sich die Bucket List der Vergangenheit hier schon mal sehr zu Herzen genommen haben: Überall stehen alte Buchen, Eichen und Kastanien mit ihren großen, schattenspendenden Baumkronen. Ganz hinten, an der Grundstücksgrenze, finde ich schließlich einen potentiellen Bauplatz, der gerade herrlich im Licht der Morgensonne leuchtet. Aber was ist mit der Birke, die nur ein paar Schritte weiter wächst? Wird sich die Sonne bei ihrer täglichen Wanderung nach Süden und Westen irgendwann nicht doch noch dahinter verstecken? Ich will auf Nummer Sicher gehen, lade mir sogar eine App runter, die den Sonnenverlauf prüft – und was sagt sie? Passt, 1A-Lage! Das wäre also schon mal geklärt. Dann schleppe ich mein Bauholz zum Bauplatz, lege Werkzeug und Materialien zurecht. Kann losgehen.

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Das Fundament: Blöcke, Punkte oder Streifen?

Das Gewächshaus soll später auch dem heftigsten Herbststurm standhalten, deshalb lege ich zunächst ein festes Fundament an. Für Gewächshäuser gibt es viele verschiedene Lösungen, wie meine ausführliche Suche im Internet ergibt, etwa Fundamente aus Holzrahmen oder aus Metallrohren mit Erdankern. Der Klassiker ist wohl das Betonfundament, gerne in Punkt- oder Streifenausführung. Ich entscheide mich für eine vereinfachte Variante, ist ja schließlich mein erster Gewächshaus-Bau – und habe Glück: Mein Nachbar hat noch sechs alte Betonblöcke rumstehen, die er mir überlässt. Je drei davon versenke ich in Linie und parallel zueinander halb ins Erdreich, aber sie sind noch nicht gerade. Mit der Wasserwaage justiere ich noch nach: Ich will ja ein Gewächshaus bauen, keinen schiefen Turm. Jetzt passt es.

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Eingerahmt: die tragende Konstruktion entsteht

Endlich geht es ans eigentliche Gewächshaus. Ich bin gespannt, ob alles so klappt, wie ich mir das vorstelle. Die vier tragenden Seitenrahmen stelle ich aus je vier Holzbalken her, fünf mal fünf Zentimeter dick. Der hintere Rahmen wird drei Meter breit und brusthoch, der vordere noch etwas höher. So erhält das Dach nachher eine leichte Schräge, damit Regenwasser leicht ablaufen kann. Die beiden seitlichen Rahmen sind mit einem Meter Breite veranschlagt. Erst montiere ich die einzelnen Rahmen separat, Winkel sorgen für solide Verbindungen. Dann stelle ich die vier Rahmen auf, verschraube sie miteinander. Gerüst: steht! Es wird langsam.

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Plattenbau: Wände aus Polycarbonat

Jetzt geht’s an die Wände: Dafür verbaue ich Polycarbonat-Stegplatten. Per Kappsäge bringe ich die Platten auf das passende Maß. Dann schraube ich schmale Leisten an das tragende Holzgerüst, dahinter setze ich die Stegplatten ein. War gar nicht so schwer.

Nun wird es noch mal etwas kniffelig: Denn auf der vorderen Seite soll eine Art Schiebetür sein, hier ist Fingerspitzengefühl gefragt. Aus Holzleisten baue ich am oberen und unteren Balken je eine Führungsschiene. Setze die Platten ein – und bin erleichtert. Auf Anhieb passt alles perfekt, die Platten lassen sich widerstandslos zur Seite ziehen. Und wenn es im Hochsommer zu heiß wird, kann ich die Platten an der Vorderseite ganz entfernen und das Gewächshaus kräftig durchlüften.

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Überdacht: Schlusspunkt mit Plexiglas

Fehlt nur noch das Dach, damit meine Tomaten auch von oben geschützt sind. Ich schneide eine Plexiglas-Wellplatte zu, mit der Kappsäge und einem feinen Sägeblatt. Das ist dabei entscheidend, denn bei gröberen Sägeblättern kann das Plexiglas schnell splittern. Vorsichtig schneide ich es zu – habe zum Glück die richtige Wahl getroffen. Nichts splittert, und ich mache mich an den finalen Schritt: Ich setze acht Schrauben, fixiere die Wellplatte auf dem Gewächshaus.

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Ich begutachte mein Werk von außen, lege mich dann der Länge nach rein, schaue durch die glasklare Dachplatte rauf in den Himmel. Ich schließe die Augen, stelle mir vor, wie hier bald dicke, rote Tomaten baumeln. Bald, ganz bald, wird das Wirklichkeit – und ich bin glücklich. Ich habe weder den Kilimandscharo bestiegen, noch den Atlantik überquert. Sondern einfach nur ein Gewächshaus gebaut. Manchmal braucht es gar nicht mehr.

Text: Sascha Borrée | Fotos: Lucas Wahl

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